Von Grippe bis RSV: Hausärztliche Praxen wappnen sich für Winterkrankheiten

Kalendarisch beginnt der Winter am 21. Dezember – in den Hausarztpraxen ist er längst da: Grippe, RSV und Co. sorgen zunehmend für volle Wartezimmer. Doch Hausärztinnen und Hausärzte wissen: Die ganze Wucht der Winterkrankheiten steht vermutlich noch aus. Informiert euch hier zum Status Quo.
Hausärztliche Praxen wappnen sich für Winterkrankheiten

Erste Hürden

Sich über „Winterkrankheiten“ informieren zu wollen, ist nicht so einfach, wie gedacht. Auf den seriösen Webseiten – wie zum Beispiel stiftunggesundheitswissen.de, gesund.bund.de, gesundheitsinformation.de, RKI und DEGAM – gibt es zu dem Stichwort keinen einzigen Treffer. Dabei sind Winterkrankheiten wie Grippe oder RSV jedes Jahr ein zentraler Belastungsfaktor für die Versorgung. Auf offensichtlich KI-generierten sowie anderen, oft dubiosen Angeboten wird man zwar fündig, bekommt jedoch die immer gleichen, vermutlich zum hundertsten Mal aufgewärmten Allgemeinplätze serviert. Immerhin hat das wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO) in seinem Fehlzeitenreport interessante Daten zu saisonalen Verläufen zusammengestellt: Die Peaks bei den Krankmeldungen liegen im Februar sowie November. Über das restliche Jahr verteilt, flacht die Kurve zu Fehltagen aufgrund von Krankheiten des Atmungssystems wieder ab und pendelt sich bei 1/3 dieser Peaks ein. Die Atemwegserkrankungen sind demnach, wie Helmut Schröder, Geschäftsführer des WIdO sagt, der „Treiber“ der Arbeitsausfälle.

Wintererkrankungen in Zahlen

Die akuten respiratorischen Erkrankungen, kurz ARE, sind eine heterogene Gruppe verschiedener Infekte, die oft durch Viren ausgelöst werden, wie Influenzaviren, SARS-CoV-2, das Respiratorische Synzytial-Virus (RSV), Rhinoviren und andere Atemwegserreger. Sie „unterscheiden sich deutlich nach Alter, Jahreszeit und Jahr“, schreibt das Robert Koch Institut, das Daten zur Inzidenz und Mortalität im Winter wöchentlich, im Sommer monatlich erfasst. Die jährlich bis zu 20.000 registrierten ARE-Todesfälle, so das RKI, würden die tatsächliche Last noch unterschätzen, da oft ein vorbestehendes chronisches Grundleiden und nicht die akute Infektion als Todesursache zähle. In den Wintermonaten suchen wegen ARE bis zu viermal so viele Menschen eine Klinik auf wie im wärmeren Halbjahr. Auch die Hausärzteschaft ist in dieser Zeit besonders gefordert: In den vergangenen Jahren sah man sich nah am „Versorgungsnotstand“ aufgrund dieser Überlastung. „Die Versorgung ist am Kippen“, beschreibt es die HÄV-Bundesvorsitzende Prof. Dr. Nicola BuhlingerGöpfarth. Der Saisonrückblick auf die Zeit von Mai 2024 bis Mai 2025 zeigt wie unterschiedlich die Krankheitswellen über das Land schwappen:

  • Die SARS-CoV-2-Welle dehnt sich auf die gesamte Zeitspanne aus. Das Virus legte ab Mai 2024 von wenigen Fällen ausgehend relativ kontinuierlich bis Oktober auf über 10.000 Fälle pro Woche zu, um dann bis Mai 2025 ebenso kontinuierlich wieder nahezu ganz zu verschwinden.
  • Der Grippewelle dagegen ist deutlich steiler und ganz auf den Winter beschränkt. Ein rasanter Anstieg ab Ende November führt zu einem Peak Anfang Februar, einem kleinen Plateau bis Anfang März mit 40.000 bis 50.000 Fällen pro Woche und einem steilen Abfall bis Ende April.
  • Eine eher sanfte Hügelform zeigt dagegen der Verlauf der RSVInfektionen. Der Hügel liegt ausschließlich zwischen Dezember und Ende April, mit einem Hoch im Februar und März mit etwa 6.000 Fällen wöchentlich.

Saison 2025/26: Naht ein Desaster?

Der kommenden Grippe-Saison 2025/26 sehen Gesundheitsexperten mit Bangen entgegen. Im British Medical Journal etwa sagt der Geschäftsführer des britischen Gesundheitsdienstes, Jim Mackey: „Es besteht kein Zweifel, dass dieser Winter einer der härtesten sein wird, den unsere Mitarbeiter je erlebt haben.“ Die extrem heftige Grippesaison in Australien lässt ihn auch für uns Schlimmes befürchten. Ähnliche Sorgen gegenüber der aktuellen InfluenzaVariante H3N2 teilen auch deutsche Hausärztinnen und Hausärzte. Etwas entspannter schätzt laut Ärzteblatt Florian Krammer, Virologe von der Medizinischen Universität Wien, die Lage ein. Er denkt nicht, dass schwere Grippesaisons in östlichen Ländern automatisch das Gleiche für uns bedeuten. Auch die neue Subklade heißt für ihn nicht, dass die Impfung nicht greift. Deshalb rät er: „Sich impfen zu lassen, kann ich momentan sehr empfehlen.“ In die Diskussion um die Grippeimpfung haben sich jetzt auch die Intensivmediziner eingeschaltet. Laut Ärzteblatt fordert die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin wegen der nahenden schwereren Influenzawelle, auch Kinder ab sechs Monaten und alle Erwachsenen zu impfen. Sie wollen damit Engpässe auf den Intensivstationen verhindern und Todesfälle vermeiden. Die STIKO reagiert auf den Vorstoß gelassen. Sie behalte das Thema im Blick, heißt es auf ihrer Influenza-Webseite. Aktuell rät sie nur einzelnen Personengruppen, sich impfen zu lassen, wie Schwangere, Ältere, Geschwächte und Angehörige bestimmter Berufe.

Hausarztzentrierter Versorgung sei Dank: Impfbewusstsein stärken

An diesem Punkt kommt die Hausarztzentrierte Versorgung (HZV) ins Spiel. Ein bedeutender Erfolg der HZV ist die Steigerung der Impfquoten, insbesondere bei älteren und chronisch Erkrankten. Untersuchungen im Rahmen des Hausarzt+- Programms der GWQ zeigen, dass die Einschreibung in die HZV zu einer durchschnittlichen Erhöhung der Impfquote um 10,2 Prozent im Vergleich zur Regelversorgung führt. Dieser positive Effekt ist nicht nur zeitlich stabil, sondern verstärkt sich bei längerer Teilnahme. Besonders bemerkenswert ist der Anstieg der Grippeschutzimpfungen bei über 60-Jährigen um bis zu 8,5 Prozentpunkte.

Weihnachtszeit: Infekt statt Konfekt

Weniger dramatisch, aber ebenfalls saisonal in den Wintermonaten gehäuft, treten die Nasennebenhöhlenentzündung, der klassische Schnupfen, die Mandelentzündung und in der Folge auch die Mittelohrentzündung auf. Gar nicht so einfach zu beantworten ist dabei die Frage, warum all diese Infektionen uns eigentlich besonders im Winter heimsuchen. „Bisher wurde angenommen, dass Erkältungen und Grippe vor allem in den kühleren Monaten auftreten, weil sich die Menschen dann mehr in geschlossenen Räumen aufhalten, sodass die Viren sich leichter verbreiten können“, sagt Benjamin Bleier, Professor für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde an der Harvard Medical School in Boston, der Zeitschrift National Geographic. Bleier hatte vor einigen Jahren entdeckt, dass eingeatmete Erreger eine Immunreaktion in der Nase in Gang setzen. Die Eindringlinge triggern die Sekretion von Milliarden kleinster Vesikel, die die Erreger vor einem Eindringen in die Schleimhäute abfangen. Bleier vergleicht die aggressive Immunreaktion mit einem Tritt in ein Hornissennest. In einer vor zwei Jahren veröffentlichten Studie konnten er und seine Kollegen zeigen, dass die niedrigen Außentemperaturen im Winter die Vesikelproduktion herabsetzen. Temperaturen von 4 Grad Celsius beispielsweise lassen die Aktivität der Nasenzellen so weit erlahmen, dass sie nur halb so viele Vesikel freisetzen wie bei Wärme. Zudem weisen die Vesikel weniger Bindungsstellen für die Viren auf. Doch nicht nur die Atemwege werden im Winter verstärkt angegriffen. Einen sehr ausgeprägten saisonalen Verlauf zeigen auch Infektionen mit dem Norovirus, das für einen Großteil der nicht von Bakterien verursachten MagenDarm-Krankheiten verantwortlich ist. In der Zeit zwischen Oktober und März werden wöchentlich bis zu 9.000 Norovirus-Infektionen gemeldet, in den Sommermonaten dagegen nur etwa 500. Da die meisten Symptome innerhalb von ein bis zwei Tagen abklingen, werden vermutlich viele Infektionen nicht amtlich, so dass die tatsächliche Zahl noch weit höher liegen dürfte.

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