Neben den geschwächten Abwehrkräften haben auch mangelndes Licht und trockene Luft direkte Auswirkungen auf die Gesundheit. Obwohl ihm keine guten Statistiken zu jahreszeitlichen Beschwerden bei trockenem Auge bekannt sind, entspricht es laut Horst Hebig, Direktor der Universitäts-Augenklinik in Regensburg und Sprecher der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft (DOG), zumindest der klinischen Erfahrung, dass die Beschwerden im Winter häufiger sind. Die DOG-Broschüre „Das trockene Auge“ nennt als eine mögliche Ursache für zu wenig Tränenflüssigkeit eine stärkere Verdunstung des Benetzungsfilms bei Heizungsluft. Trockene Augen sind wiederum eine mögliche Ursache für Bindehautentzündungen und somit eine häufige Winterkrankheit, die viele Hausärztinnen und Hausärzte beschäftigt
Vitamin-D-Mangel: Hierzu können hausärztliche Praxen raten
Die Haut ist in zweifacher Hinsicht im Winter besonders gefordert. Zum einen wird sie durch Kälte angegriffen, was zu Durchblutungsstörungen oder gar Frostbeulen führen kann. Zum anderen führt die UV-B-Strahlung der Sonne nicht nur zu Bräunung, Sonnenbränden und einem Teil der überwiegend weißen Hautkrebsfälle, sondern die Haut ist auch der Ort der Vitamin-D-Produktion. Nur etwa 10 bis 20 Prozent des Bedarfs decken wir über die Nahrung wie Fisch und Pilze, den Rest muss die Haut liefern. In den Monaten zwischen Oktober und März ist jedoch in Deutschland – zumindest auf Meereshöhe – auch bei Sonnenschein keine Vitamin-D-Produktion möglich, weil die UV-B-Strahlen der tiefstehenden Sonne in der Atmosphäre abgefangen werden. Der Mangel ist damit als typische Winterkrankheit in den hausärztlichen Praxen längst bekannt. Wenn in den Sommermonaten keine ausreichenden Reserven angelegt werden, kann es später im Jahr knapp werden mit der Vitamin-Versorgung.
Besonders Frauen und Ältere sind anfällig für einen Vitamin-D-Mangel. Schwäche, Entkalkung der Knochen und höhere Infektanfälligkeit können die Folgen sein. Die aktuelle Leitlinie eines multidisziplinären Panels mehrerer internationaler endokrinologischer Fachgesellschaften zur Vitamin-D-Prophylaxe empfiehlt eine pauschale Vitamin-D-Supplementierung für Kinder und Jugendliche von 1 bis 18, Schwangere, Hochrisikodiabetiker und Menschen ab 75.
Von routinemäßigen Checks des Vitamin-D-Spiegels mit Hilfe des 25(OH)D-Tests rät die Leitlinie ab, da es bislang nicht gelungen ist, so die Begründung, einen optimalen Zielwert festzulegen. Die Logik ist bestechend: Wenn man nicht weiß, was man mit einem Messwert anfangen soll, braucht man auch nicht zu messen. Thomas Schwarz, ehemaliger Direktor der Universitäts-Hautklinik in Kiel, sieht die Supplementierung auch für Nicht-Risikogruppen positiv: „Es gibt keinen Einwand gegen die Einnahme von Vitamin D in den Wintermonaten, da viele niedrige Vitamin-D-Spiegel aufweisen und Vitamin D eine hohe therapeutische Breite besitzt.“
Gut zu wissen für Hausärztinnen und Hausärzte: Eine Warnung vor Überdosierung gibt es vom RKI dennoch. So kann ein erhöhter Kalziumspiegel zu Übelkeit, Appetitlosigkeit, Bauchkrämpfen, Erbrechen und sogar zu Nierenschäden, Herzrhythmusstörungen, Bewusstlosigkeit und Tod führen.
Winterkrankheit Depression: Licht kann helfen
Viele Menschen klagen im Winter vor allem darüber, dass Ihnen Dunkelheit und Kälte aufs Gemüt schlagen. Dann ist wahrscheinlich ihr Tag-Nacht-Rhythmus und die Produktion von Serotonin und Melatonin gestört. In der Folge geraten die Schlafzeiten aus dem Takt und die Menschen sind traurig und niedergeschlagen. Während Menschen mit einer üblichen Depression eher keinen Appetit haben und schlecht ein- und durchschlafen können, zeichnet sich die Winterdepression vor allem dadurch aus, dass Menschen Heißhunger auf Süßes verspüren und mehr Zeit im Bett verbringen möchten.
Die nationale Versorgungsleitlinie „Unipolare Depression“ empfiehlt bei „Depression mit saisonalem Muster“, dass ein Therapieversuch mit Lichttherapie angeboten werden soll. Selbst ohne saisonales Muster istdie Lichttherapie eine mögliche Option - auch wenn die Evidenz für einen Nutzen hier sehr dünn ist. Die Therapie zielt darauf ab, den Tagesrhythmus wieder ins Lot zu bringen und damit den Serotonin- und Melatonin-Spiegel zu beeinflussen. Normalerweise soll die Lichttherapie Antidepressiva unterstützen. Bei leichten Symptomen, umgangssprachlich auch als „Winterblues“ bekannt, kann man es, rät die Leitlinie, auch mit der Lichttherapie allein versuchen. Zu beachten, ist jedoch: Die Winterdepression kann, trotz ihres Namens, in jeder Jahreszeit zuschlagen.
Glätte und Eis: Knochen und Bänder in Gefahr
Von einem besonders unmittelbaren Zusammenhang mit der kalten Jahreszeit können Orthopäden ein Lied singen. Schnee und Eis sorgen für Stürze und so zu mehr Knochenbrüchen und Sehnenrissen. Das betrifft zum einen Menschen, die aus Neugier und Freude über den schönen Schnee nur einmal kurz vor die Tür gehen und sich, weil sie auch bei trockener Straße nicht mehr sicher auf den Beinen sind, böse hinlegen. Stützt sich der stürzende Mensch reflexhaft ab, um den Sturz abzumildern und ein ungebremstes Aufschlagen des Kopfes zu verhindern, dann bricht meist die Speiche nahe des Handgelenks.
Funktionieren die Reflexe bei Älteren nicht mehr so gut, schlägt der Mensch der Länge nach hin und bricht sich, begünstigt durch die geringere Knochenfestigkeit im Alter, vor allem den Oberarmkopf, die Wirbelkörper sowie den Oberschenkel in Hüftnähe. Braucht es dann ein künstliches Hüftgelenk, ist eine schnelle Rekonvaleszenz „meist eine große Herausforderung“, schreibt die Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU).
Hausärztliche Praxen wissen: Auch der Sommer kann gefährlich sein
Wer bei all den Winterkrankheiten meint, die kalte Jahreszeit sei gefährlicher als die warme, der irrt. Von Heuschnupfen und weiteren Allergien, von Insektenstichen, Badeunfällen und anderem einmal abgesehen, fordert allein der Klimawandel bereits einen beachtlichen Tribut. Laut RKI können Hitzeperioden bestehende Beschwerden des Herz-Kreislauf-Systems, der Atemwege und der Nieren verschlimmern und so die hausärztlichen Praxen besonders fordern. Auch haben Medikamente mitunter bei Hitze heftigere Nebenwirkungen. So belegen statistische Auswertungen des RKI, dass bei Hitze mehr Menschen sterben. Mit Ausnahme des Corona-Winters 2020/2021 lagen die Peaks der Sterberaten während der Hitzeperioden in etwa so hoch wie die – allerdings deutlich breiteren – Winterpeaks. In Jahren ohne vergleichbare Hitzewellen lagen sie dagegen deutlich darunter. Ganz neu ist das Phänomen allerdings nicht, denn auch früher gab es immer wieder, wenn auch nicht so häufig, Zeiten großer Hitze. So forderte die Hitze in den besonders heißen Sommern 1994 und 2003 schätzungsweise je 10.000 Opfer.